Das Erbe von Tekla (Lesungsabenteuer)

Diese Geschichte entstand aus Ideen des Publikums bei der Lesung in der Chemnitzer Buchhandlung Lessing und Kompanie am 20. April 2023.


Eine Legende, die man sich entlang der Küste der Teklanischen See erzählt, über mutige Menschen, ihre Erinnerungen an eine gute Welt und den Ursprung der seltenen, himmelsfarbenen Edelsteine, die Sturm und Dunkelheit an die Ufer tragen.

„Und wir tanzen, denn wir leben, und wir leben, denn wir haben, und wir haben, denn wir wissen, und wir wissen, denn wir beten, und wir beten, denn wir danken, und wir danken, denn wir hoffen, und wir hoffen, denn wir tanzen.“ [Auszug aus einem vergessenen Kanon.]

Einst, in den alten Zeiten, als die Gelehrten noch nicht begonnen hatten, Karten zu zeichnen und Jahre zu zählen, lebte ein Volk auf einer fernen Insel, die vollständig vom Meer umgeben war. Es war ein großes, friedliches, fruchtbares Eiland, auf dem Leben, Reichtum und Wissen über die Maßen erblühten: Tekla.
Lange lebten die Menschen und ihre Götter in völligem Einvernehmen. Die einen huldigten, die anderen gaben, die einen dankten, die anderen gewährten. Doch mit der Zeit geriet die Harmonie aus ihrem Gleichgewicht. Arroganz und Gier kamen auf, doch nicht auf Seiten der Menschen, sondern bei den Göttern. Vielleicht waren sie neidisch, da die Menschen stets neue Geheimnisse lüfteten und neue Wege fanden, vielleicht waren sie ängstlich, dass sie irgendwann nicht mehr gebraucht werden würden: Man vermochte es nicht zu sagen. Jedoch forderten die Götter immer größeren Tribut von den Menschen, so, als versuchten sie ihnen das zu nehmen, das sie ihnen immer gleicher werden ließ. Sie forderten immer mehr und mehr, bis die Menschen es nicht mehr ertragen wollten – und beschlossen, zu fliehen.
Natürlich würden die Götter es nicht zulassen, dass die Menschen sich von ihnen abwandten, denn ohne Huldigung durch die Menschen drohte den Göttern das Reich des Vergessens. Dessen waren sich die Menschen bewusst, und so wählten sie die dunkelste und stürmischste aller Nächte, um in heimlich gebauten Booten und Schiffen ihrer Heimat den Rücken zu kehren und in den unbekannten Nebeln des Meeres ein neues, gerechteres Zuhause zu suchen. Im Ungewissen über die nächsten Gestade beschlossen sie, in alle vier Himmelsrichtungen zu segeln; das, so überlegten sie, würde es auch den zornenden Göttern erschweren, sie zu finden und sich zu rächen. Und so war es dann auch: Kaum bemerkten die Götter ihre Flucht, gerieten sie darüber in so schlimme Wut, dass sie die Insel Tekla mit allen, die zurückgeblieben waren, im Meer versenkten und sie den ewigen Fluten übergaben.

Die Fliehenden erfuhren davon, als die Winde des Meeres ihnen die ängstlichen Rufe und die Gischt das Salz der Tränen der Verdammten zutrugen. Die Stürme legten sich auf einen plötzlichen, geheimen Befehl hin und gaben so den Blick zurück auf die untergehende Insel, ihre alte Welt, frei. Was sie sahen, füllte ihre Herzen mit unendlicher Trauer: Für jede Seele, die von der eitlen Vergeltung der Götter in die Tiefe gezogen wurde, fiel ein Stern vom Firmament und stürzte in die Fluten, den Unglücklichen hinterher. Die Menschen auf ihren Booten und Schiffen waren ergriffen und schworen, dass Tekla nie vergessen werden sollte, anders als die Götter, die die Insel und so viel Leben zerstört hatten.
Sie setzten ihre Flucht fort, über Tage, Wochen, Monde, in allen vier Richtungen des Himmels und sogar in solche, die dazwischen liegen. Manche schafften es nicht, verloren sich in der Unendlichkeit des Meeres und blieben auf See, doch manche waren glücklicher und fanden schließlich ein Ufer, das sie und ihre Hoffnung aufnahm. Und sie blieben nicht allein. Denn die Sterne, die zu Teklas Untergang vom Himmel gefallen waren, hatten die Seelen der Unglücklichen in sich aufgenommen. Am Meeresgrund waren sie in Tausende kleine Splitter zerborsten, wo sie Strömung und Gezeiten aufnahmen und den einst Geflohenen hinterhertrugen. In dunklen, stürmischen Nächten fanden diese Splitter ihren Weg an die Strände, wo sie schließlich von den Erben Teklas gefunden wurden. Und diese verstanden sofort, was diese Edelsteine, die in allen Farben des Himmels funkelten, waren: Weit mehr als eine Erinnerung, weit mehr als eine Hoffnung. Sie waren ein Versprechen. Das Versprechen, das Tekla einst wieder aus den Fluten auferstehen würde, wenn seine Erben alle Bruchstücke der Vergangenheit gefunden und die Erinnerung bis dahin am Leben gehalten haben würden.

Seither versammeln sich die Menschen an den Küsten der Teklanischen See in den dunkelsten und stürmischsten Nächten am Strand. Es braucht dazu keine Verabredung, keine Prozession, keine Predigt, keine Aufforderung. Sie alle kommen von selbst, so als wäre es in ihrer Natur, und suchen nach kleinen Edelsteinen in der Farbe des Himmels, den Tränen des alten Volkes, Bruchstücke der Sterne, die in jener Nacht vom Himmel fielen, im Sturm angeschwemmt aus den Tiefen der untergegangenen Welt. Nur selten sind sie zu finden und unbezahlbar in ihrem Wert. Doch der Glaube und die Erinnerung sind stark: Die Edelsteine werden einst erleuchten und erstrahlen und als Sterne wieder an den Himmel steigen, wo sie den Seeleuten mit ihrem hellen, funkelnden Licht den Weg nach Tekla weisen. Ohne Erinnerung an die alten Götter wird die Insel den Menschen wieder ein friedliches Zuhause sein, ein sicherer Hafen, ein Ort von Wissen und Handel, von Wohlstand und Zufriedenheit. Daran glauben die Erben Teklas, daran halten sie fest, daran richten sie ihr ganzes Leben aus.
Die Insel, die in der Teklanischen See verborgen liegt, ist nicht weniger als der Wunsch, der Traum und das Ziel aller Menschen, die in sich das Erbe der einst Geflohenen tragen. Und bis es soweit ist, feiern die Menschen eine jede Träne, die sie in den Fluten finden, mit einem rauschen Fest, bei dem sie längst vergessene Lieder singen und zu Klängen tanzen, die der Wind vom Meer zu ihnen trägt.

Auch die Königreiche Kreonien und Wargund entstanden aus Siedlungen, die die Erben von Tekla an diesen Küsten gründeten. So kam es, dass die Teklanische See ihren Namen erhielt, denn die Geflohenen trugen an alle Ufer, die sie einst erreichten, die Kunde ihrer Herkunft und bewahrten die Erinnerung an das Schicksal einer alten, guten Welt.