Elizas Lied

Wargund,
im einhundertzweiundvierzigsten Jahr des vierten Zeitalters, wenige Tage vor dem großen Beben im Anvaligebirge.

***

Eliza tanzte.

Eliza tanzte und lachte und tanzte, auch noch, als ihr schon lange die Füße weh taten und sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihr blondes Haar flog in wilden Kreisen um sie herum, während sich das Band, das sie ursprünglich im Zaum halten sollte, längst gelöst hatte und in irgendeine Ecke geflogen war.
Das Gasthaus war immer gut besucht. An der Küche lag es nicht, denn die war nicht besser als andernorts. Es gab den gleichen sauren Wein, das gleiche dünne Bier, den gleichen fetten Braten und die gleiche Fülle an Fisch wie in jeder anderen Hafenschänke auch.
Was die anderen Schänken jedoch nicht hatten, das war eine bezaubernde Sängerin, wie Eliza eine war. Nahezu jeden Abend griff sie zu der alten Harfe und sang ihre Lieder, während sich alte und junge Seeleute um sie scharten und zu träumen begannen. Der Wirt wusste, was er an Eliza hatte, und so sorgte er dafür, dass es ihr an nichts fehlte – und wer meinte, sich an ihr vergreifen zu können, fand sich schnell im Hafenbecken wieder.
Das war einer der Gründe, weswegen Eliza nie Anstalten gemacht hatte, sich eine andere Arbeit zu suchen – hier war sie eine Königin, und was wollte sie auch mehr?
Heute war die Schänke nicht nur gut besucht, sondern platzte nahezu aus allen Nähten. Zwei Schiffe würden morgen ablegen, und von beiden war die gesamte Mannschaft hier zusammengekommen, um den letzten Abend an Land zu feiern. Die See würde ihnen in den nächsten Wochen alles abverlangen, zumal der Winter nahte und es eigentlich zu spät war, um noch die Zielhäfen zu erreichen, die ausgerufen waren. Und so sangen und lachten die Männer, tranken, was man ihnen einschenkte und zogen sich die Dirnen auf den Schoß, wenn sie ihren kräftigen Händen nicht schnell genug ausweichen konnten.
Und mittendrin war Eliza. Es war ihr letzter Abend mit den zwei Männern, die sie liebte.
Der eine war Mart, ihr Bruder, der mit der Joselia nach Fjorstad und von da über Hermeting nach Frontheym segeln würde.
Die Joselia war eine schwere, dickbauchige Handelskogge unter dem Befehl von Kapitän Hadvar Grentholm, und sie war bis zum Rand mit Vorräten beladen, die die Besatzungen im Norden über den Winter bringen sollten. Eigentlich hatte die Joselia schon vor zwei Wochen auslaufen sollen, doch der Herbst hatte fürchterliche Stürme an die Küste gejagt, sodass an ein Auslaufen nicht zu denken gewesen war.
Grentholm war ein guter Kapitän, ein alter Seebär, aber auch dem Gold nicht abgeneigt. Und so hielt er trotz der verlorenen Zeit an seinem Plan fest, auf seinem Weg nach Norden noch Fjorstad und Hermeting anzulaufen, zwei größere Handelshäfen. Er hoffte, hier günstig an Felle, Tran und Eisen zu kommen, Sachen, die es da im Überfluss gab und mit denen er bei seiner Rückkehr gute Gewinne erzielen würde. Die Joselia würde er bei diesem Wetter sowieso nicht so weit aufs offene Meer steuern, dafür hatte sie diesen Stürmen viel zu wenig entgegenzusetzen, und so war es kein großer Umweg.
Anders verhielt es sich mit der Schwertfisch, dem anderen Schiff, das am nächsten Tag auslaufen würde. Sie war deutlich kleiner als die Joselia, dabei aber wesentlich schneller und wendiger und trotz ihrer geringen Größe erstaunlich hochseetüchtig. Auch ihr Ziel war Frontheym, allerdings würde sie den direkten Weg quer über das Meer nehmen. Ihr Kapitän war Asgar Grentholm, der älteste Sohn von Hadvar, wenngleich er noch recht jung, viele sagten hinter vorgehaltener Hand zu jung, für die Kapitänswürde war. Seine Aufgabe war es nicht, Vorräte zu liefern, sondern den neuen Befehlshaber der im Norden stationierten Truppen dorthin zu bringen, und das konnte gar nicht schnell genug geschehen. Zu seiner Mannschaft gehörte ein Mann namens Sten, und er war es, dessen Rückkehr Eliza neben der ihres Bruders am meisten herbeisehnen würde.
Sten beobachtete Eliza aus einiger Entfernung. Er saß mit ein paar anderen Männern an einem Tisch, verfolgte deren hitziges Würfelspiel nur am Rande und erfreute sich an dem Vergnügen, das seine Liebste zu haben schien. Er selbst konnte dem ganzen Tanzen und Hüpfen nichts abgewinnen, im Gegenteil, er war froh wenn seine Füße festen und sicheren Stand hatten. Das würde sich morgen schon wieder ändern, und dann würde auch er sich wieder den Würfeln mit mehr Hingabe widmen.
Heute Abend jedoch hätte er sich am liebsten mit Eliza in ihr kleines Haus verkrochen, das sie nicht weit entfernt bewohnten. Es gab dort einen kleinen gemauerten Kamin und ein weiches Bett, etwas Bequemlichkeit, die er sich bei allen Entbehrungen auf See leistete, während er sonst nicht viel brauchte, um zufrieden zu sein. Doch an so einem Abend musste er Eliza mit den anderen teilen, und da er darauf vertraute, dass sie ihm dann wenigstens in der Nacht gehören würde, gönnte er ihr und allen anderen den Spaß.
Als hätte sie seine Gedanken gehört, wandte sich Eliza mit einem strahlenden Lächeln zu ihm um und schickte sich an, sich zu ihm durchzukämpfen.
Es war kein leichtes Unterfangen. Sie hatte gerade den halben Weg geschafft, als sie ein großer, rotbärtiger Seemann an der Hand festhielt. „Sing für uns, Eliza!“, rief er, eine Aufforderung, der viele andere sofort lautstark beipflichteten.
Eliza warf Sten einen entschuldigenden wie hilflosen Blick zu, den er mit einem verschwörerischen Zwinkern erwiderte. Dann stimmte er grinsend in das laute Rufen mit ein, was sie ihm mit einer herausgestreckten Zunge dankte, bevor sie sich abwandte und nach ihrer Harfe griff, die ihr bereits jemand hinhielt. Und kaum berührte sie die ersten Saiten, da kehrte schlagartig Stille ein – wie immer.

Drei junge Segler auf dem Meer
Fuhren raus, fuhren weit.
Der Ruf von Gold und Silber rein
Rief sie raus, rief sie weit.
Wind und Salz wollt‘ sie nicht schrecken
Trieb sie raus, trieb sie weit.

Das Lied war alt und jeder Seemann kannte den Text. Es bestand aus vielen Strophen, und Eliza hatte gerade nur die erste gesungen. Ihre Stimme war sanft wie die See am Morgen eines windstillen Tages und machte die ohnehin schon traurige Melodie noch schwermütiger. Die Harfe brauchte sie eigentlich gar nicht, doch die wenigen Töne, die sie spielte, klangen wie Tropfen aus purem Gold, die in einen See aus Tränen fielen. Das zumindest hörte Sten einen Tischnachbarn einem anderen zuraunen, kurz bevor das gesamte Gasthaus in den Refrain einstimmte.

Sing, oh sing das Lied!
Sing, so laut du kannst!
Sing, dass sie dich hörn!
Sing, dass wir sie nicht vergessen …
Sing, oh sing das Lied!
Sing, so laut du kannst!
Sing, dass sie dich hörn!
Sing, dass sie mich nicht vergessen!

Eliza sang das ganze Lied, von der ersten bis zur letzten Strophe. Und nach jeder Strophe sangen die Männer mit ihr den Refrain; mit jedem Mal ergriffener, mit jedem Mal mit mehr Inbrunst. Das Lied gab ihnen Mut und Kraft für die anstehende Reise, und es brachte die große Feier schließlich auch zu ihrem Ende. Keinem stand nach dem Lied mehr der Sinn nach einem weiteren, und so leerte sich das Gasthaus zusehends, nachdem es verklungen war.

[…]

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