Mareks Reise

Saranien,
im zweiundsiebzigsten Jahr des vierten Zeitalters, fünf Jahre nach den ersten Berichten über plündernde Barbaren aus dem Westen.

***

Als die väterliche Burg in Sichtweite kam, hätte Mareks Herz eigentlich einen Freudensprung machen sollen. Über den Türmen flatterte der rote Baum seiner Familie, grüßte die Ankömmlinge mit freudigen Überschlägen und ließ die Blutstropfen, die anstelle von Blättern auf den weißen Grund fielen, lustig tanzen. Es war wunderbares Wetter, schon seit Tagen, und Westsaranien hatte mit Sicherheit seit Jahrzehnten keinen so warmen und freundlichen Frühling mehr erlebt. Das Land lag in Frieden, die letzten Ernten waren gut gewesen und der Handel mit den angrenzenden Königreichen ließ nicht nur die Städte Torant und Gjarbann erblühen, sondern füllte die Taschen und Truhen aller.
Ja, da waren noch die lästigen Barbaren. Hin und wieder wagten sie sich auf saranischen Boden und überfielen Händler und manchmal auch ein Dorf, doch das war eben der Preis des Wohlstandes. Und es war ein netter Zeitvertreib, Jagd auf sie zu machen. Meistens waren ihre Patrouillen, mit denen sie diese Überfälle unterbinden wollten, nicht mehr als Ausritte in bester Gesellschaft. Erst recht bei diesem Wetter. Und wenn sie doch mal auf ein paar Plünderer stießen, waren die Scharmützel kurz und erfrischend und, zumindest was ihn betraf, in jedem Fall hundertmal willkommener als die stundenlangen Übungskämpfe im Burghof. Zum einen waren sie weniger anstrengend, zum anderen brachten sie den Dank der Dörfler und ihrer Töchter. Und zu guter Letzt war da noch der Nervenkitzel. Ein Kampf blieb stets ein Kampf, ganz gleich wie überlegen ihre Waffen denen der Barbaren waren. Ein verirrter Pfeil, ein verdeckter Hieb, ein hinterlistiger Stich, der zufällig eine Schwachstelle seiner Rüstung fand, und es war aus. Aber genauso gut konnte er eine Treppe hinabstürzen und sich den Hals brechen. Wozu sich also Gedanken machen?
Sie hatten nun das Dorf erreicht, das am Fuße des Hügels lag, auf dem sein Urgroßvater einst die Burg errichtet hatte. Die Hütten waren die gleichen einfachen Holzverschläge, die man überall in Saranien fand. Der Weg schlängelte sich mitten zwischen ihnen hindurch und glich mehr einem Pfad aus festgetrampelter, staubiger Erde, die von den Hufen ihrer Pferde aufgewühlt wurde und in der Kehle kratzte. Die Bauern sprangen ehrerbietig zur Seite, als sie den Trupp bemerkten, und dem einen oder anderen kam sogar ein Gruß über die Lippen, den Marek dann mit einem gnädigen Nicken erwiderte.
Er schaute sich nach seinen Gefährten um. Sie waren ein Dutzend schwer bewaffneter Reiter, mit Lanzen und Schwertern und blitzenden Kettenhemden. Direkt hinter ihm waren seine engsten Freunde, Ilbur und Eik, verlässliche Kameraden im Kampf und noch bessere Kumpane beim Trinken, Würfeln und Lachen. Er bedauerte es, dass ihre Patrouille nun schon wieder ein Ende fand, und dabei hatte er sie schon so weit ausgereizt, wie es nur ging. Eine Woche hatten sie unterwegs sein sollen, zehn Tage waren es geworden. Er spürte schon den Blick seines Bruders auf sich ruhen, mit einer Miene, die ihm sagen sollte: »Wirklich, kleiner Bruder? Wieder die gleiche dumme, fadenscheinige Ausrede? Damit kannst du Vater vielleicht um den kleinen Finger wickeln, aber ich weiß es besser. Ich weiß genau, warum du zu spät kommst. Werde endlich erwachsen.«
Vielleicht würde er diesmal sogar lächeln, auf so eine verschlagene, siegessichere, herablassende Art. Aber sein Bruder war langweilig. Was er dachte, war sein geringstes Problem.
Sein eigentliches Problem hieß Joselin. Bei dem Gedanken daran schüttelte es ihn und sein Herz wurde so schwer, dass es ihm bis in die Hose rutschte. Er wollte einfach noch nicht heiraten, das war alles. Ja, Joselin war eine gute Partie, ja, sie hatte ein niedliches Gesicht, ja, sogar der Rest von ihr versprach eine Menge Spaß – aber nein, er wollte sie nicht als seine Frau. Er wollte überhaupt noch keine Frau. Und schon gar nicht in den nächsten zwei Wochen.
Es war kindisch, das wusste er, und er war auch ehrlich genug, sich das selbst einzugestehen. Aber das Herz will, was das Herz will – auch, wenn er sich gar nicht so sicher war, was sein Herz denn eigentlich wollte.
Trotzig schmollte er mit seinem Schicksal, als Eik sein Pferd neben das seine trieb.
»Deine Familie scheint ja sehnsüchtig auf dich zu warten«, raunte er. »Oder ist es vielleicht doch deine zukünftige Braut, die sich schon nach dir verzehrt?« Er deutete auf einen Reiter, der ihnen entgegen kam.
»Lass das!«, grummelte Marek, während er überlegte, was ihm die seltsame Ehre eines solchen Empfangs verschaffte.
»Ja, ärgere unseren tapferen Helden nicht«, hörte er Ilbur lachen. »Nachdem er ihr Herz nun schon im Sturm genommen hat, kann es ihr Schoß wohl kaum noch erwarten!«
»Ihr sollt aufhören!«, rief Marek, doch seine Worte kamen nicht so scharf heraus, wie er beabsichtigt hatte, und so fiel er in das Lachen seiner Freunde mit ein. »Wer Freunde hat wie euch –«
»Der braucht keine wilden Barbaren mehr?«, unterbrach ihn Eik.
»Der braucht keine wilden Barbaren mehr, keine Massalonier und vor allem keine reichen Schwiegereltern«, pflichtete er ihm bei. Eik antwortete mit einem übertrieben schmerzlichen Gesichtsausdruck.
Der Reiter erreichte sie genau in der Dorfmitte. Es war ein kleiner Platz mit einem Brunnen, aus dem aber schon lange kein Wasser mehr zu holen war. Manchmal fragte sich Marek, ob sein einziger Zweck nicht schon immer nur der gewesen war, die Mitte des Dorfes zu markieren. Mittlerweile war er nur noch eine halb verfallene Ansammlung von kreisförmig angeordneten Steinen, über denen das zerbrochene Gebälk der Winde lag. Mit ein wenig Fantasie konnte man sogar noch das kleine Holzdach erkennen, das einst den Brunnen vor dem Regen geschützt hatte.
Weil das ja auch unbedingt nötig ist. Marek schüttelte den Kopf. Das Wasser vor dem Wasser schützen. Dumme Bauern.
»Marek!«, rief ihnen der Reiter entgegen. »Da seid Ihr ja endlich! Eilt Euch, man wartet bereits seit drei Tagen auf Euch!«
Marek runzelte die Stirn. Keine Begrüßung? Vater sollte die Zügel gegenüber unseren Bediensteten mal wieder ein bisschen straffen. Seine Laune wurde immer schlechter.
»Haben sie dich geschickt, nur um mir das zu sagen?«
»Ja. Bitte, es gibt Nachrichten. Trödelt nicht weiter.«
Mit ernster Miene wendete der Bote sein Pferd und galoppierte zurück in Richtung der Burg. Marek sah zu Eik und Ilbur, die nur ratlos mit den Schultern zuckten. Dieser Empfang war wirklich seltsam. Doch obwohl sich jede Faser seines Körpers dagegen strebte, dem Boten zu folgen, siegte am Ende seine verdammte Neugier. Er seufzte. Widerwillig gab er seinem Pferd die Sporen.
Die süße Leichtigkeit seines Lebens war soeben über die Klinge gesprungen.

Als sie den Burghof erreichten, wurde das ungute Gefühl zur Gewissheit. Marek sah einige Bewaffnete, die in kleinen Gruppen beisammen saßen und sich die Zeit vertrieben. Da er jedes Gesicht der Männer im Dienste seines Vaters kannte und er sich auf den ersten Blick sicher war, dass nicht ein einziges dieser Gesichter dazugehörte, kam er zu dem Schluss, dass sie Besuch hatten. Die Männer trugen kein Wappen, das den Dienstherren hätte verraten können, und so blieb nur eine Erklärung: Es waren Söldner. Und Söldner standen zur Zeit gerade bei Kaufleuten, die ihre Ware sicher von einem Markt zum nächsten gebracht haben wollten, hoch im Kurs. Dabei gab es nur einen Kaufmann, der sie dieser Tage besuchen würde: Joselins geschätzter, schwerreicher Vater.
Er war enttäuscht. Dass seine zukünftige Braut zwei Wochen vor der Hochzeit auf ihn warten würde, das war keine Überraschung. Nach dem dramatischen Empfang im Dorf hatte er mehr erwartet.
Ungelenk rutschte er vom Pferd. Grandios, grollte er. Erst verlässt mich die Leichtigkeit und jetzt auch noch die Kraft. Er überließ sein Pferd den Stallburschen und schleppte sich missmutig zur Halle seines Vaters, dem einzigen Gebäude der Burg, das nicht aus Holz gebaut war. An der Tür erwartete ihn der Bote, der sie im Dorf abgefangen hatte, und hielt ihm diese mit einem Blick, den Marek nicht deuten konnte, auf. Er trat ein.
Es war furchtbar. Er kam aus dem Frühling, aus dem Licht und der Wärme, und plötzlich war da nichts als Stille und Kälte. Seine Eltern und Stevan, sein Bruder, befanden sich am gegenüberliegenden Ende der Halle und sahen ihm mit versteinerter Miene entgegen. Ein herzlicher, familiärer Empfang war das jedenfalls nicht.
Immerhin weckte das seinen Kampfgeist. Seine Schritte hallten laut von den Wänden wider. Das rhythmische Klirren von Metall zerriss die feindselige Stille und gab ihm Kraft. Es war ein erhabenes Gefühl. Er kam sich vor wie ein Eroberer.
Sein Triumphmarsch verlor jedoch an Dramatik, als sich seine Augen an das Dunkel gewöhnten. Ringsum sah er Bedienstete, die ihren alltäglichen Aufgaben nachkamen und kaum Notiz von ihm nahmen. Auch die Mienen seiner Familie erkannte er nun etwas genauer. Sein Vater blickte müde drein wie immer, seine Mutter so, als wisse sie nicht, ob sie ihm eine Standpauke halten sollte oder ihren kleinen Prinzen nicht doch lieber verhätscheln wollte, und sein Bruder machte genau das Gesicht, das er erwartet hatte. Er konnte sogar dieses herablassende Lächeln in seinen Mundwinkeln erahnen.
Marek ertrug seinen Blick nicht länger und sah sich weiter um. Nicht weit entfernt stand der Mann, den er bald Schwiegervater nennen würde – ein großer, schlanker Mann mit Hakennase und grau melierten Schläfen. Marek ertappte sich mitunter dabei, dass er ehrfürchtig zu diesem Mann aufsah, so eine kühle Erhabenheit strahlte er aus. Und neben ihm, natürlich, stand Joselin. Sie trug ein Kleid aus hellgrünem Stoff, das auf zurückhaltende Weise den Wohlstand ihrer Familie unterstrich und leider gar nicht so recht zu ihrer hellen Haut, den braunen Haaren und den hellblauen Augen passen wollte. Immerhin formte es eine schmale Taille, was ihrer Oberweite zuträglich war und vom Becken nicht zu viel verriet.
Er sah Joselin nicht zum ersten Mal, doch heute war irgendetwas anders. Einen Herzschlag lang fühlte er, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wäre, sie zur Braut zu haben. Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln, das sie unsicher erwiderte, grüßte ihren Vater mit einem Kopfnicken und wandte sich schließlich seiner Familie zu.
»Hier bin ich«, sagte er. »Ihr habt nach mir gerufen?«
»Oh, und ich dachte schon, mein kleiner Bruder hätte den Weg nach Hause von allein gefunden?«, stichelte Stevan.
»Glaube mir, Bruder, ich kenne mehr Wege, die nach Hause führen, als du dir vorstellen kannst. Denn im Gegensatz zu dir bewege ich mich nicht nur auf geradem Wege zwischen Bett und Latrine.«
»Marek, Stevan, hört auf, alle beide!«, ermahnte sie ihre Mutter. »Himmel, ihr hört euch an wie zwei alte keifende Weiber und nicht wie erwachsene Männer!«
»So erwachsen, dass er ganze drei Tage später zurückkehrt als vereinbart. Wieder mal!«, giftete sein Bruder.
»Ja, und sicher hat er auch einen guten Grund dafür, nicht wahr, Marek?« Seine Mutter sah ihn auffordernd an. »Ist es nicht so?«
Marek schwieg und warf seinem Bruder einen Blick zu, der ihn eigentlich sofort in Staub hätte verwandeln sollen. Er versuchte jedoch gar nicht erst, sich zu rechtfertigen, und schließlich seufzte seine Mutter.
»Also schön. Marek, wir haben Besuch. Es ist sehr unhöflich von dir, Joselin, deine Braut, und ihren geschätzten Vater so lange warten zu lassen. Es ist ein wunderbarer Frühling. Du hättest die Tage mit Joselin verbringen und ihr ihr neues Zuhause zeigen sollen.«
»Ich war aber auf Patrouille«, presste Marek zwischen den Zähnen hervor.
»Ja, und wo bitte?«, lauerte Stevan. »Im Bordell von Gjarbann vielleicht? Oder doch eher Opanit? Das würde zumindest erklären, warum du drei verdammte Tage zu spät kommst!«
»Was soll das denn mit den drei Tagen, verflucht?«, brüllte Marek. »Ich wusste nicht, dass Joselin uns besucht. Woher auch? Die Hochzeit ist erst in zwei Wochen. Wir haben Spuren verfolgt.«
»Spuren verfolgt? Unter den Röcken von Huren?«
»Stevan, das genügt«, mischte sich schließlich ihr Vater ein, und wandte sich dann nach kurzer Pause mit ruhiger Stimme an Marek. »Es gab einen Überfall.«
»Was für einen Überfall?« Es war schwer, das höhnische Funkeln seines Bruders zu ignorieren. Natürlich war das ein gefundenes Fressen für ihn.
»Nichts Großes«, versuchte seine Mutter ihn zu beschwichtigen. »Nur haben sie sich bisher noch nie so nah an die Burg herangetraut.«
»Ein Dorf? Oder einen Händler? Was ist passiert?«
»Ein Dorf. Aber daran hätte die Patrouille auch nichts ändern können. Und jetzt lasst uns über Joselin sprechen. Es ist unhöflich, unsere Gäste -«
»Hätte sich die Patrouille an den Zeitplan gehalten, wären ihnen die Barbaren wohl mitten in die Arme gelaufen«, unterbrach sie ihr Vater ruhig. »Aber sei es drum. Es ist ja nicht viel passiert.«
»Was heißt, es ist nicht viel passiert?«, bohrte Marek.
»Sie haben eine Scheune eingerissen, drei Kühe geschlachtet und ein paar Nasen blutig geschlagen«, zählte Stevan beiläufig auf. »Ach, und ein Mädchen haben sie verschleppt, glaube ich.«
»Welches Dorf?«
»Bachheide.«
Der Name des Dorfes klang noch in seinen Ohren nach, als er unter den verdutzten Blicken seiner jetzigen und zukünftigen Familie aus der Halle stürmte. Er folgte dem grellen Lichtfleck, der die Tür zum Burghof sein musste. Der Rest war im grauen Dunst verschwommen. Eik und Ilbur kamen ihm entgegen und wollten wissen, was los war. Es dauerte eine Weile, bis er wieder soweit klar im Kopf war, dass er sprechen konnte.
»Holt die Pferde. Wir müssen nach Bachheide. Es gab einen Überfall. Sie haben ein Mädchen verschleppt.« Mehr brachte er nicht über die trockenen Lippen. Seine Freunde verstanden jedoch sofort. Im Gegensatz zu seinen Eltern wussten sie, dass es in Bachheide ein Mädchen gab, auf das er ein Auge geworfen hatte.

Sie machten sich umgehend auf den Weg. Es war noch eine Weile hin, bis die Dämmerung einsetzen würde.
Bachheide war ein typisch saranisches Dorf, das hauptsächlich von Weideland, ein paar Feldern und Wald umgeben war. Der Weg dorthin führte nach Westen durch den Rotforst, aus dem auch das meiste Holz stammte, das im Sägewerk in Bachheide verarbeitet und von da bis nach Gjarbann verkauft wurde. Erst kürzlich hatte König Efrem IV. eine enorme Menge massiver Roteiche geordert, um damit die Befestigungen von Gjarbann zu verstärken.
Das Sägewerk war eine ihrer besten Einnahmequellen und dank ihr entwickelte sich Bachheide mehr und mehr zu einem stattlichen Örtchen. Marek war oft da, um im Namen seines Vaters nach dem Rechten zu sehen, wenn er nicht gerade auf Patrouille war.
Die Roteiche war dabei gar keine richtige Eiche, sondern wurde nur wegen ihrer Härte so genannt. Die Bäume wuchsen fast nur in dieser Gegend. Neben Bachheide gab es nur zwei oder drei weitere Sägewerke, die das Holz so verarbeiten konnten, dass man es auch verbauen konnte. Die Sägewerke ließen sich ihre Arbeit teuer bezahlen, denn alte Roteiche konnte mitunter hart wie Stein werden und widerstand bis zu einem gewissen Punkt auch Feuer und Flamme. Es war damit hervorragend für Wehranlagen geeignet, und den namensgebenden Rotton fand man nicht etwa im Holz selbst oder den herbstlichen Blättern, sondern eben im Blut der Opfer, die an einer mit Roteichenpfählen gespickten Palisade verendeten. Marek war stolz darauf, dass die Roteiche das Wappen seiner Familie war.
Er schüttelte sich. Warum er ausgerechnet jetzt über Holz nachdachte, war ihm schleierhaft. Vermutlich war aber gerade jedes Thema gut genug, um nicht über das verschleppte Mädchen nachdenken zu müssen. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn die Barbaren ausgerechnet Elena erwischt hatten. Sie war die Tochter eines einfachen Bauern. Er hatte sie bei einem seiner Besuche des Sägewerks gesehen. Eik war es dann gewesen, der sie einander vorgestellt hatte, denn er kam aus Bachheide und es gab hier niemanden, den er nicht kannte.
Marek schüttelte sich erneut. Das war genau das, worüber er nicht nachdenken wollte. Und so grausam konnten die Götter schließlich auch nicht sein – ihm Elena zu nehmen, während Joselin auf ihn wartete. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit, dass Elena … Nun, die Wahrscheinlichkeit war gering. Bachheide war mittlerweile so groß, dass es mehr Mädchen gab, als er sich Namen merken konnte. Sicher hatten sie nicht Elena erwischt.
Zumindest versuchte er sich das den restlichen Weg lang einzureden.
Sie überquerten einen kleinen Bach, von dem kaum mehr als ein Rinnsal übrig war. So wenig hatte es in den letzten Wochen geregnet. Es reichte gerade noch, um die Pferde saufen zu lassen und ihnen eine kurze Pause zu gönnen. Währenddessen hörte er in den Bäumen eine Lerche, die sich über das warme Wetter freute und ihre gute Laune lauthals in die Welt hinauszwitscherte. Marek hörte ihr eine Weile zu. Er hoffte, dass ihr Lied ihn ein wenig beruhigen würde.
Vergeblich. Stattdessen wuchs in ihm der Wunsch, den Vogel von seinem Ast zu holen und ihm den Hals umzudrehen. Genervt und gereizt straffte er die Schultern und gab seinem Pferd wieder die Sporen.

Der Hof von Elenas Familie lag im Westen von Bachheide, ein wenig außerhalb und abseits gelegen. Sie mussten also zunächst den gesamten Ort durchqueren. Normalerweise wäre es angebracht gewesen, die Pferde zu zügeln, um niemanden über den Haufen zu reiten. Heute verließen sie sich darauf, dass die Dorfbewohner ihnen rechtzeitig aus dem Weg sprangen.
Als sie den Kern von Bachheide hinter sich ließen, entdeckte Marek die zerstörte Scheune, die Stevan erwähnt hatte. Wenn er nicht gewusst hätte, dass die Scheune dort hätte stehen müssen, hätte er diese Ansammlung von Schutt wohl für eine längst verwitterte Ruine gehalten. Außer den Eckpfeilern, die wie die Finger einer toten Hand starr in den Himmel ragten, war nicht viel von ihr übrig. Genau in ihrer Mitte strahlte die Sonne wie ein blutroter Flammenball, an dem sich die Finger verbrannt hatten, als sie nach ihm hatten greifen wollen.
Kurz darauf erreichten sie den Hof, der viel zu nah bei diesem gruseligen Gebilde lag. Er ließ sich nicht davon täuschen, wie friedlich die längliche, mit Stroh bedeckte Hütte da lag, und sprang vom Pferd. Er brauchte sich nicht einmal umzusehen, um zu wissen, dass es hier eindeutig zu friedlich war.
Marek marschierte entschlossen zur Tür. Im Augenwinkel sah er, wie seine Freunde ebenfalls von ihren Pferden stiegen. Sie waren von einer Staubwolke verhüllt, die dem Sonnenlicht einen matten, unwirklichen Farbton verlieh.
Er spürte das Blut in seinem Körper, seinem Kopf und den Fingerspitzen pulsieren. Er fühlte die Hitze, die sich unter seinem Rüstzeug angestaut hatte und nun am Hals nach draußen drängte. Er roch die Erde, kalte Asche, Stroh und seinen Schweiß. Es kam ihm so vor, als befände er sich in einem niedergebrannten Dorf, in dem nur noch ein Haus stand, und auf dieses ging er zu. Er klopfte an die Tür, und bereits beim ersten Schlag schwang die Tür nach innen auf.
Einen Herzschlag später verflüchtigte sich der Nebel, der sich auf seine Sinne gelegt hatte, und mit ihm zerriss das dünne, lächerliche Gespinst aus Vernunft und Hoffnung, das er sich so mühsam wie vergeblich geflochten hatte.

[…]

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